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"Die Kultursuppe am oberbayrischen Rand der Welt"

„Denn alles Seiende ist ja auch ein Gewordenes“, sagte der Kunsthistoriker Thomas Raff einmal in einem Vortrag. Genau – woraus z.B. besteht allein schon diese Kultursuppe der Malerei, in der ich als Malerin heute schwimme? Wie hat sich die Malerei - von ihren Anfängen bis in unsere Zeit hinein – überhaupt entwickelt?

 

Über Jahrzehnte konnte ich nicht anders, - da hat mich eigentlich nur meine PERSÖNLICHE Geschichte beschäftigt. Welchen Einfluß hatten all die familiären Gegebenheiten, in die ich hinein geboren wurde? Wie kommt es, daß ich so bin wie ich bin, daß ich so fühle, wie ich fühle und denke, wie ich denke? Und: Wie weit kann meine Reise als Malerin mit diesem persönlichen „Carepaket“ überhaupt gehen? - Es hat viel mehr Zeit in Anspruch genommen, zuerst einmal mich selbst zu sortieren, als ich jemals gedacht hätte. Da blieb über Jahre hinweg nicht mehr viel Zeit und Energie übrig, um auch noch nach der Kultursuppe zu fragen, in der ich schwamm. Dass beides natürlich untrennbar mit einander verknüpft ist, konnte ich zwar früh verstehen, aber lange nicht spüren. Das aber ist entscheidend - und hat in meinem Fall seine Zeit gedauert.

 

Umso älter ich werde, umso freier fühle ich mich und umso mehr fasziniert mich die Geschichte der Malerei. Ich folge dem Weg der Schamanen-Künstler der Steinzeit zu den Handwerker-Künstlern der Antike bis hin zu den Philosophen-Künstlern unserer Tage mit Spannung. (Etwas vereinfacht ausgedrückt und die weiblichen Vertreterinnen aller Epochen natürlich inbegriffen.) Ich lese, sehe mir Ausstellungen, Reproduktionen und Filme an und frage mich: Wieso male ICH so, wie ICH male? Was treibt MICH an? Wo in der Kultursuppe schwimme ich eigentlich, hier, am oberbayrischen Rand der Welt?

 

*Teil 1, Malerei, von Karl Ruhrberg, 2000 erschienen im Taschen-Verlag